Die Zukunft von Accell hängt am seidenen Faden. Der Konzern kündigt Insolvenzverfahren für die Tochterfirmen an. Der von den Kartellbehörden bereits genehmigte Verkauf an die Dutech-Gruppe scheint gescheitert. Branchenexperten befürchten jetzt eine Zerschlagung.
„Dies ist eine Mitteilung, die wir niemals hätten veröffentlichen wollen.“ So beginnt eine Mail, die der niederländische Fahrradkonzern Accell zur Wochenmitte an Beschäftigte verschickt hat – und die, in einer übersetzten Version, auch dem manager magazin vorliegt. Der durch Zukäufe in den vergangenen Jahren schnell gewachsene Fahrradriese hat Zahlungsaufschub in den Niederlanden beantragt.
Man habe in den vergangenen Monaten mit allen Beteiligten „intensiv daran gearbeitet, einen tragfähigen Weg für die Zukunft von Accell zu finden“, teilte das Unternehmen in einem Statement am Mittwochabend mit. Nachdem alle Möglichkeiten ausgeschöpft seien, „kann das Unternehmen seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen“. Es sei deshalb notwendig, „für die betreffenden regionalen Tochtergesellschaften Insolvenzprozesse einzuleiten“. Offiziell wurde für die Holding bereits ein Verfahren zur Aussetzung von Zahlungen und zum Gläubigerschutz angeordnet. Accell beschäftigt rund 3700 Menschen in 15 Ländern.
Keine tragfähige Perspektive
Die Nachricht kommt überraschend. Die angeschlagene Accell-Gruppe mit bekannten Marken wie Winora, Ghost, Batavus, Raleigh, Haibike oder Babboe hatte eigentlich eine Übernahme durch den asiatischen Investor Tri Star Group angestrebt und vereinbart. Tri Star ist eine Tochter der in Singapur ansässigen Dutech Holdings. Die Kartellbehörden in Europa hatten dem Antrag der Dutech-Tochter mit Sitz in Singapur unlängst zugestimmt.
Unklar ist, warum die Übernahmeverhandlungen offensichtlich erfolglos endeten. Nach Informationen des manager magazins ist jedenfalls ein entsprechender Übernahmevertrag bislang nicht unterzeichnet worden. Insider mutmaßen, dass Dutech nach einer Buchprüfung entgegen ursprünglicher Ankündigung nur Teile des Accell-Konzerns übernehmen wollte.
Dutech hatte die Kartellbehörden Ende Juni über seine Übernahmeabsicht informiert. Die asiatische Unternehmensgruppe hat in Deutschland über Tri Star bereits einige in Not geratene deutsche Fahrradunternehmen eingesammelt – darunter Prophete , Onomotion und Sprick Cycle . Dutech und Tri Star reagierten nicht auf Anfragen des manager magazins.
Accell bestätigte in dem Statement, das Unternehmen habe gemeinsam mit Beratern alle möglichen Wege ausgelotet, „darunter Gespräche mit mehreren Interessenten, die Prüfung zahlreicher Angebote und die Einholung behördlicher Genehmigungen für eine mögliche Fusion“. Eine tragfähige Zukunftsperspektive habe sich daraus nicht ergeben.
„Dies ist eine zutiefst traurige und frustrierende Situation.“
Accell-CEO Jonas Nilsson
CEO Jonas Nilsson , der im Juli 2023 zunächst den Posten des COO bei dem niederländischen Fahrradkonzern übernahm und im April 2025 zum CEO aufstieg, erkärte laut der Mitteilung, „dies ist eine zutiefst traurige und frustrierende Situation“. Das Unternehmen habe „jede realistische Option“ geprüft, Aktionäre und Gläubiger hätten dabei unterstützt. Aber es habe keine Lösung gegeben, „die eine Fortführung der Gruppe in ihrer derzeitigen Form ermöglicht hätte“.
Der Abstieg von Accell hatte begonnen, nachdem der US-Investor KKR und der niederländische Minderheitsinvestor Teslin Capital Management das Unternehmen 2022 für mindestens 1,6 Milliarden Euro von der Börse genommen hatten. Einen Teil des Kaufpreises hatten sie dem Hersteller als Schulden auferlegt, um so den Kauf zu finanzieren. Als die Branche nach dem Boom der Covid-Jahre in eine Krise rutschte, mussten die Eigentümer Accell allerdings finanziell wiederholt unterstützen.
2024 verbuchte Accell einen Nettoverlust von 734 Millionen Euro; der Umsatz war um 22 Prozent auf rund eine Milliarde Euro gefallen. Die Geschäftszahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Kürzlich zogen KKR und Teslin einen Schlussstrich unter ihren kostspieligen Ausflug in die Fahrradindustrie. Sie traten ihre Anteile an die größten Kreditgeber wie Banken und Kreditfonds ab, stimmten im Zuge des Deals zudem einem weiteren Schuldenerlass zu.
Als Nilsson den Posten des COO bei Accell übernahm, „fühlte sich das wie ein wahr gewordener Traum an“, sagte er kürzlich in einem Interview. Der Manager hat viel Erfahrung in der Autoindustrie, er soll 51 Fahrräder besitzen. Dem Konzern verschrieb er eine „One Accell Strategy“, um die Vielzahl der Marken besser zu integrieren. Bis dahin führten sie offenbar ein vergleichsweise unkoordiniertes Eigenleben. Man habe einen „kompletten Neustart“ gewagt. Die „faktische Umstrukturierung“ sei nun abgeschlossen.
Opfer der eigenen Strategie
Vorgänger Tjeerd Jegen (54) und Nilsson hatten etwa die Produktion in den Niederlanden geschlossen, die Zahl der Lager in Europa massiv reduziert, die Fertigung von Fahrrädern der Marke Ghost in Deutschland und eine Produktion in Großbritannien aufgegeben. Offenbar kam vieles zu spät.
Einige Experten sehen Accell dabei auch als Opfer der Strategie während des Booms in der Covid-Pandemie. Aggressiver als andere Marktteilnehmer habe der Konzern seinerzeit Teile und Komponenten bestellt, um die Lagerbestände aufrechtzuerhalten. Als die Lieferketten wieder funktionierten, die Nachfrage aber unter den Erwartungen blieb, musste Accell die Preise für seine Räder massiv senken und Lagerbestände abschreiben – mit der Folge, dass die Umsätze und Margen einbrachen. Zugleich stiegen die Finanzierungskosten wegen steigender Zinsen. On top kosteten der Massenrückruf und die Verschrottung von mehr als 20.000 Babboe-Lastenrädern einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.
Droht die Zerschlagung?
Bei Händlern habe Accell viel Vertrauen verloren, diagnostizieren Branchenkenner in den Niederlanden. „Das ist ein großes Problem, denn sie sind abhängig von den Händlern.“ Zu dem Vertrauensschwund hätten ständige Wechsel im gehobenen Management sowie wechselnde Verantwortlichkeiten und Ansprechpartner beigetragen. Auch hierzulande beklagten Händler das Krisenmanagement im Fall Babboe scharf – das betraf die Kommunikation ebenso wie die Vergütung für die Inspektion Zehntausender nicht von der Verschrottung betroffener Babboe-Lastenräder.
Accells Perspektiven im Zuge eines Insolvenzverfahrens sind noch nicht klar. Der CEO eines europäischen Fahrradherstellers erwartet die Zerschlagung des Unternehmens. Mögliche Bieter könnten sich die für sie interessanten Marken herauspicken. So gilt etwa die Winora-Gruppe mit den Marken Haibike, Winora und dem Teilegroßhandel E. Wiener Bike Parts als gut aufgestellt für das Geschäft in Zentraleuropa. „Die meisten AccellMarken haben ihren Zenit allerdings überschritten“, analysiert der Marktkenner. Deswegen seien wahrscheinlich bislang auch keine nennenswerten Marken oder Unternehmensteile verkauft worden.
Ein Branchenkenner in den Niederlanden glaubt allerdings, dass sich der Verkauf einzelner Marken auch in der Insolvenz schwierig gestalten könnte. Accell habe in den vergangenen Jahren seine Prozesse stark zentralisiert, sodass alle Aktivitäten eng miteinander verknüpft seien. Insofern sei es für mögliche Interessenten schwierig, den Wert und die Rentabilität einzelner Marken herausgelöst aus dem Konzern zu beurteilen und zu nutzen.
Das Management von Accell will laut Mitteilung jedenfalls alles daransetzen, „tragfähige Geschäftsbereiche und Arbeitsplätze zu erhalten“. Die Einschränkung wird gleich mitgeliefert: „sofern die Umstände dies zulassen“.