Titel | INDat Report 10_2022 | Dezember 2022

Titel | INDat Report 01_2023 | Januar 2023

Fachkräftemangel auch in der Restrukturierungs- und Insolvenzbranche erfordert kreative Ansprache und allseits attraktive Angebote

Gesamtjahresstatistik 2022 und Redaktion aktuell

Gewinnen und halten im War for Talents

- RL-Vorschlag zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Insolvenzrechts Reaktionen und Einordnungen zu Insolvency III - NIVD-Vorsitzende RAin Dr. Susanne Berner zum Berufsrecht Keine neue gemeinsame Verwalterlinie - Befragung der 24 Restrukturierungsgerichte: Bilanz für 2022 Erhebung der RES- und SAN-Sachen im zweiten Geltungsjahr des StaRUG - Unternehmensinsolvenzverfahren vom 01.01.2022 bis 31.12.2022 Bestellungen an allen Insolvenzgerichten, Rankings der Verwalter und Kanzleien nach Bestellungen und nach Umsätzen

Der vielzitierte »War for Talents« tobt längst auch in der Insolvenz-, Restrukturierungs- und Sanierungsbranche. Durch die Bank alle Kanzleien, kleine, mittlere und große, müssen erhebliche Anstrengungen unternehmen, um bewährte Mitarbeiter in allen Tätigkeitsbereichen zu halten und  – eine noch weit schwierigere Aufgabe – Nachwuchskräfte für die Arbeit in einer Insolvenz- oder Restrukturierungskanzlei zu gewinnen. Mit welchen Strategien behaupten sich die Personalmanager der Kanzleien bzw. die externen Dienstleister am Markt? Wie wird der Kampf um die rar gewordene Ressource Jurist und spezialisierte Fachkraft geführt? Wie die Onlineplattform Legalhead mitteilt, ist die Anzahl der Jobangebote im RSI-Bereich, einem an sich eher kleinen Teil des Juristenmarkts, stark gestiegen: innerhalb eines Jahres von 3 % auf 8 %. Das entspricht fast einer Verdreifachung. Angesichts solcher Zahlen scheinen gute Strategien wichtiger zu sein als je zuvor. Der Nachwuchs ist entsprechend selbstbewusst, was sich u. a. in steil ansteigenden Einstiegsgehältern widerspiegelt. Große Kanzleien bieten inzwischen bis zu 155.000 Euro für den Anfang als Junganwalt, erwarten jedoch auch einen hohen persönlichen Einsatz. Kleinere Kanzleien dagegen locken eher mit nicht monetären Leistungen, die weit über den in Stellenanzeigen zum Running Gag gewordenen »stets gut gefüllten Obstkorb« hinausgehen. Es geht um »Benefits«, die bei der sog. Generation Z wirklich ankommen: eine austarierte Work-Life-Balance und eine mitarbeiterfreundliche Unternehmenskultur, die auf Transparenz, Offenheit und einem zunehmend lockeren Umgang basiert.
Da ist der Dresscode leger und das »Du« gängiger als das »Sie«.

 Text: Sascha Woltersdorf und Peter Reuter

Der Personalmarkt für Rechtsanwälte, aber auch für andere qualifizierte Spezialisten wird enger, denn auch im Bereich Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz (RSI) herrscht Fachkräftemangel  – schließlich sind der Insolvenzverwalter und der (anwaltliche) Restrukturierungsberater nichts anderes als hoch spezialisierte »Fachkräfte«. Einerseits herrscht Juristenmangel. Immer weniger Absolventen stoßen auf den Arbeitsmarkt. Andererseits sinkt die Zahl der Erfahrenen: Aufgrund des demografischen Wandels stehen ab 2025 vermehrt die sog. Babyboomer am Ende ihres Arbeitslebens. Das bedeutet umgekehrt natürlich gute Zeiten für Talente und Leistungsträger, denen von ihrem (potenziellen) Arbeitgeber sehr viel geboten werden muss und auch wird: Stichwort War for Talents.

Der vielleicht wichtigste Indikator für diese Entwicklung ist die Anzahl an Jobangeboten im Bereich RSI. Legalhead beispielsweise, eine spezielle Job-Matching-Plattform für Juristen, misst »ein deutliches Wachstum an Stellenausschreibungen im Bereich Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz«. Während im Vorjahr noch 3 % aller Ausschreibungen auf Legalhead in diesem Schwerpunktgebiet angesiedelt gewesen seien, betrage 2022 der Anteil der Vakanzen in diesem Fachbereich bereits 8 %, sagt Katrin Franke, Head of Talent Marketing & Recruiting. »Bei den Suchbegriffen Transformation, Insolvenzverwaltung und Restrukturierungsberatung ist ein deutlicher Aufwärtstrend, einhergehend mit einem bis zu 50 % gesteigerten Suchvolumen im Jahresvergleich von 2020 bis 2022, zu verzeichnen.«

Andere Jobplattformen sehen ebenfalls »grundsätzlich steigende Zahlen«, z. B. TalentRocket, wo man davon ausgeht, dass mit zunehmenden Insolvenzen auch die Jobausschreibungen noch weiter steigen werden. »Wer Zuwachs in den nächsten Monaten plant, sollte sich jedoch schon frühzeitig am Arbeitsmarkt platzieren«, rät TalentRocket-Geschäftsführer Sebastian von Glahn. Als weiterer Indikator können die durchschnittlich »grob etwa 2,5 Monate« dienen, die eine Stellenanzeige bei dem Stellenportal online bleibt. Bei dieser Angabe müsse man jedoch beachten, dass hinter den oft genutzten »Jahresstellenanzeigen« nicht selten mehrere Vakanzen verborgen seien. Ebenfalls eine Rolle spiele, ob ein Arbeitgeber außerdem ein »Employer Branding« bei TalentRocket betreibt und dadurch suggerieren möchte, dass die Kanzlei wächst und deshalb stetig auf der Suche nach mehr Personal ist.

In der Realität ist die sinkende Anzahl von verfügbaren Fachkräften bei vielen Kanzleien bereits zu spüren. Eine Stichprobe in der ersten Novemberhälfte dieses Jahres ergab 35 Stellenangebote für alle fünf Gesellschaften von Schneider Geiwitz, 29 Suchen standen im »Karriere«-Bereich der Homepage von Brinkmann  & Partner, die Insolvenzsparte von White & Case verzeichnete 18 Vakanzen, BBL mit 200 Mitarbeitern an mehr als 30 Standorten brauchte 15 frische Kräfte für das Team, eine mittlere Kanzlei wie Pohlmann Hofmann suchte drei neue Mitarbeiter und Münzel & Böhm mit etwa 20 Berufsträgern will mit der eigenen Karriereseite sechs Lücken füllen. »Die Nachfrage auf von uns ausgeschriebene Stellen war in der Vergangenheit wesentlich höher als derzeit«, räumt der Gründungspartner RA Dr. Gideon Böhm von Münzel & Böhm ein. »Dies kommt wohl daher, dass insbesondere die Großkanzleien im Zuge der Bearbeitung von Masseverfahren unglaublich viele Juristen zu sehr hohen Gehältern eingestellt haben bei gleichzeitiger Senkung der Einstellungsvoraussetzungen. Des Weiteren zieht es wohl immer mehr junge Juristen in Unternehmen und nicht in Kanzleien. Daher gibt es wesentlich weniger Hochschulabsolventen, die sich auf offene Stellen einer mittelständischen Kanzlei bewerben«, so seine Analyse. »Einen Fachkräftemangel haben wir nicht«, bestätigt passenderweise eine der größten Kanzleien am Markt, was »vermutlich der Strahlkraft der Marke White  & Case« geschuldet sei, wie Partner RA Dr. Biner Bähr sagt. »Wir erhalten auch heute viele Bewerbungen und zwar sowohl auf Anwalts- als auch auf nichtanwaltlicher Ebene. Hinzu kommt, dass es infolge der rückläufigen Insolvenzzahlen in den letzten Jahren gewisse Verschiebungen zwischen den Kanzleien gegeben hat. Davon haben wir profitiert. Wir wachsen auch nach 40 Jahren Insolvenz- und Restrukturierungstätigkeit unserer Truppe stetig weiter.« (…)

Symposien & Diskussionen

 Erste Stimmen zu Insolvency III aus Brüssel

Berlin. Nachdem die EU-Kommission am 07.12.2022 den lang erwarteten Richtlinienvorschlag »Proposal for a Directive harmonising certain aspects of insolvency law«, wie üblich vorerst nur in englischer Sprache, vorgelegt hatte, hat sich die Europagruppe der DAV-Arge Insolvenzrecht und Sanierung zusammen mit einem Kommissionsvertreter am 15.12.2022 in dem zweistündigen Webinar »Insolvency III ante portas – neue Harmonisierungspläne der EU« mit dem 65-seitigen Papier und seinen 73 Artikeln beschäftigt. Die Runde hat neben der Vorstellung der Regelungsvorschläge auch erste Einschätzungen, Bewertungen und mögliche Auswirkungen auf das deutsche Recht aufgezeigt und diskutiert. Besonders im Fokus stand dabei das sog. verwalterlose Verfahren für KKMUs, das große Befürchtungen und Umsetzungsbedenken ausgelöst hat.

Text: Peter Reuter

Nicht ganz zutreffend bzw. zu bescheiden ob der Leistung hat der Leiter der Arbeitsgruppe Europa und Moderator des Webinars, RA Daniel F. Fritz (Dentons), das von den Mitgliedern der Gruppe als Referenten bestrittene Webinar »Insolvency III ante portas«, bei dem sich die im Schnitt 100 und in der Spitze 160 zugeschalteten Teilnehmer im Chat zu Wort melden konnten, als »betreutes Lesen« bezeichnet. Über die komprimierte Zusammenfassung der einzelnen Titel und ihrer Erwägungsgründe (ErwG) hinaus richtete sich der Blick auch auf mögliche Auswirkungen auf das nationale Recht, wobei mit Kritik nicht gespart und Lob auch ausgesprochen wurde. Der Workshop behandelte Title II – Mindestanforderungen an die Insolvenzanfechtung (RA Patrick Ehret (Schultze & Braun)), Title III – Stärkung des Asset Tracings in grenzüberschreitenden Verfahren durch verbesserten Zugang zu Informationen und Registern (RA Ivo-Meinert Willrodt (Pluta)), Title IV – Einführung eines Pre-pack-Insolvenzverfahrens (RA Peter Hoegen (Allen  &  Overy)), Title V – Regelungen zur rechtzeitigen Antragstellung durch die Geschäftsleiter und zur Verbesserung der Transparenz (RA Florian Bruder (DLA Piper)), Title VI – Vereinfachte Abwicklungsverfahren für Kleinstunternehmen (RA Axel Bierbach (MHBK)) und Title VII  – Anforderungen zur Verbesserung der Vertretung von Gläubigerinteressen im Verfahren durch Gläubigerausschüsse (RA Dr. Andreas Spahlinger (Gleiss Lutz)).

In der Einleitung begrüßte Daniel Fritz den aus Brüssel zugeschalteten Referatsleiter der Generaldirektion Recht der ­EU-Kommission, Andréas Stein, der über die Hintergründe und Grundüberlegungen dieser Richtlinie berichtete, in die »seine« Generaldirektion Justiz und die Generaldirektion FISMA (Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion) einbezogen waren. Zunächst führte Fritz, der auch die EU-Kommission als Private Expert bei diesem Richtlinienvorschlag unmittelbar beraten hatte, in das Papier ein, das »nicht vom Himmel gefallen« sei, sondern entsprechende Vorläufer und Vorüberlegungen hatte, die auf eine Entschließung des EU-Parlaments von 2011 zurückgehen, wonach ein funktionierender Kapital- und Binnenmarkt gleiche Spielregeln letztendlich auch im Insolvenzrecht benötigt, das den realen Mindestwert eines Vermögensgegenstands im Insolvenzverfahren regelt – man soll EU-weit auch in dieser Verteilungsfrage zu gleichen Ergebnissen kommen. Anhand eines Zeitstrahls zeigte Fritz die einzelnen Vorbereitungsschritte der zurückliegenden elf Jahre auf, sodass der Vorschlag an sich im Großen und Ganzen nicht überraschen dürfe, wenngleich aber einige Ausgestaltungen, denn bis zum 07.12.2022 war nach außen noch nicht so viel durchgedrungen wie z. B. bei der Richtlinie über Restrukturierung und Insolvenz. Im englischen Text gebe es die beiden Schlüsselbegriffe »may«, Ausdruck für Flexibilität in der nationalen Umsetzung und für weniger Harmonisierung (Öffnungsklauseln), hob Fritz hervor, und den Begriff »shall«, der die EU-Staaten an eine bestimmte Umsetzung zwingend bindet (Mindestanforderungen). An den künftigen Stellungnahmen sei dann anhand der Verwendung dieser beiden Begriffe abzulesen, ob der Absender den Vorschlag eher unterstützt oder national abwehrt. Der Vorschlag verfolge die drei Kernziele Vermögensverwertung, Effizienz des Verfahrens und vorhersehbare, faire Verteilung an die Gläubiger, denen sich die einzelnen Titel (s. o.) jeweils zuordnen lassen. Der weitere Fahrplan sehe im Januar den Beginn der institutionellen Verhandlungen mit EU-Parlament und Rat vor, wofür man rd. zwei Jahre veranschlage, die Umsetzung erfolge dann zwei Jahre nach Inkrafttreten.

(…)

Inhalt

Die kommende Ausgabe INDat Report 01_2023 erscheint am 01.02.2023.

Am 11.01.2023 ist Anzeigenschluss, alle weiteren Termine finden Sie auf www.der-indat.de.

Die kommende Ausgabe INDat Report 02_2023 erscheint am 23.03.2023.

Am 01.03.2023 ist Anzeigenschluss, alle weiteren Termine finden Sie auf www.der-indat.de.

Aktuelle Ausgabe: 14. Dezember 2022
Umfang: 80 Seiten

Aktuelle Ausgabe: 1. Februar 2023
Umfang: 112 Seiten

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