Titel | INDat Report 03_2026 | April 2026
Titel | INDat Report 04_2026 | Mai 2026
Polykrisen und ein verändertes Marktumfeld gestalten Fortführungs- und Sanierungslösungen für insolvente Unternehmen immer schwieriger
» Der KI-Anbietermarkt entdeckt die Insolvenzverwalter als neue Zielgruppe, die die neuen Tools und Workspaces testen bzw. bereits in ihren Kanzleien einsetzen
Sanierungskultur unter neuen Vorzeichen?
Köln. Die Anzahl der Insolvenzanträge und der eröffneten Insolvenzverfahren von Unternehmen steigt weiter an. Anders als zu früheren Hochzeiten beobachten Insolvenzverwalter allerdings immer häufiger, dass es für sie zunehmend schwieriger wird, Investoren, Käufer und Finanzierungen für insolvente Unternehmen zu finden. Hieß es für viele Branchen und Geschäftsmodelle noch vor gar nicht so langer Zeit »Das kriegen wir schon irgendwie gedreht«, erscheint in immer mehr Fällen die geordnete Liquidation als alternativlos. Der jüngste Anstieg der Energiepreise im Zuge des Iran-Konflikts verschärft die Lage innerhalb der Polykrisen, denen die deutsche Wirtschaft und vor allem energieintensive Unternehmen ausgesetzt sind, nochmals. Peter Reuter fragte die sieben Insolvenzverwalterinnen und Insolvenzverwalter RAin Fatma Kreft, RA Stefan Meyer, RA Martin Mucha, RAin Marion Rodine, RA Dr. Robert Schiebe, RA Rüdiger Weiß und RAin Sarah Wolf, ob sie auch in ihrer Praxis das Kippen zu mehr Liquidationsfällen feststellen und welche Gründe sie dafür ausmachen, welche Branchen und Geschäftsmodelle aktuell noch gute Sanierungsoptionen mitbringen und Interesse auf dem Distressed-M&A-Markt auslösen und wie sie als sanierende Verwalter mit der für sie neuen Rolle umgehen, dass es offenbar immer öfter als früher für sie bedeutet: Liquidieren statt Sanieren.
Text/Interviews: Peter Reuter
Mit dem Anstieg der Insolvenzanträge bzw. Insolvenzeröffnungen nimmt seit gut einem Jahr die Anzahl der Betriebseinstellungen und Liquidationen zu – überproportional, stellen Insolvenzverwalterkanzleien bzw. Verwalter mit langjähriger Praxis fest. Für insolvente Unternehmen bestimmter Branchen, für die sich vor einiger Zeit noch recht sicher Investoren oder Käufer auf dem Distressed-M&A-Markt haben finden lassen, zeichnen sich nun weniger oder gar keine Sanierungsoptionen ab. Neue Finanzierungen unterliegen zudem viel restriktiveren Auflagen, was häufig den Zugang zu frischem Kapital verschließt. »Ja, diese Entwicklung lässt sich in der Praxis sehr deutlich beobachten – und sie geht tatsächlich über das hinaus, was die reinen Insolvenzzahlen vermuten lassen«, erklärt RAin und Insolvenzverwalterin Sarah Wolf, die Partnerin bei Anchor ist. »In meiner Praxis stelle ich fest, dass die Zahl der Betriebseinstellungen und Liquidationen spürbar stärker zunimmt als der bloße Anstieg der eröffneten Insolvenzverfahren. Während Insolvenzen statistisch noch moderat wachsen, kippt der Ausgang der Verfahren zunehmend zugunsten der Liquidation. Fälle, die vor wenigen Jahren noch realistische Sanierungs- oder Investorenoptionen hatten, enden heute häufig ohne Fortführungsperspektive.« Für die Insolvenzverwalterin betrifft das insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, bei denen die wirtschaftliche Substanz zwar grundsätzlich vorhanden ist, die aber den aktuellen externen Belastungen nicht mehr standhalten. Diese Entwicklung zeige sich branchenübergreifend, aber besonders ausgeprägt in energieintensiven Produktionsbetrieben (z. B. Metallverarbeitung, Kunststoffverarbeitung, Glas), Bau- und baunahen Gewerken, insbesondere bei Nachunternehmern, Einzelhandel und stationärem Fachhandel, Gastronomie und Hotellerie außerhalb hochfrequentierter Lagen und Zulieferbetrieben, die stark von einzelnen Großkunden abhängen. »Gerade in diesen Bereichen ist zu beobachten, dass Investoren deutlich selektiver agieren oder sich vollständig zurückziehen.«
Exemplarisch lasse sich dies an einem mittelständischen Produktionsunternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe schildern: Das Unternehmen beschäftigte rd. 80 Mitarbeiter, verfügte über einen stabilen Kundenstamm und war technisch eigentlich ganz gut aufgestellt. In der Vergangenheit wären vergleichbare Betriebe regelmäßig über einen Asset Deal fortgeführt worden. Auch in diesem Fall gab es zu Beginn des Verfahrens mehrere Interessenbekundungen. Im Laufe des Investorenprozesses hätten sich jedoch sämtliche potenziellen Erwerber zurückgezogen. Ausschlaggebend seien nicht strukturelle Defizite des Unternehmens gewesen, sondern vor allem dauerhaft hohe Energiepreise, die sich nicht verlässlich kalkulieren ließen, gestiegene Finanzierungskosten, die Investitionen in Maschinen und Umlaufvermögen verteuerten, Unsicherheit über die künftige Auftragslage, insbesondere aufgrund der Zurückhaltung großer Industriekunden, sowie gestiegene Lohn- und Materialkosten, die kurzfristig nicht an den Markt weitergegeben werden konnten. Am Ende habe trotz vorhandener operativer Substanz keine tragfähige Fortführungslösung bestanden, sodass der Betrieb habe eingestellt und liquidiert werden müssen. »Die gestiegene Zahl der Liquidationen ist weniger Ausdruck schlechterer Unternehmensqualität, sondern vielmehr das Ergebnis eines veränderten Marktumfelds. Investoren agieren vorsichtiger, Finanzierungen sind restriktiver und viele Risiken – Energie, Regulierung, Nachfrage – werden als strukturell und nicht nur als temporär eingeschätzt«, beobachtet Sarah Wolf.
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KI – immer mehr Werkzeug und Begleiter
Köln. Eine internationale Wirtschaftskanzlei hat im April dieses Jahres angekündigt, mit dem US-amerikanischen KI-Unternehmen Anthropic eine mehrjährige strategische Partnerschaft einzugehen und für ihre rd. 5700 Mitarbeiter weltweit mit dem Modell Claude neue KI-gestützte juristische Workflows zu entwickeln. Eine große deutsche Wirtschaftskanzlei mit einer Spezialeinheit für Insolvenzverwaltung berichtete im Februar 2026, dass man die KI-Expertise durch strategische Partnerschaften mit »renommierten deutschen KI-Forschungseinrichtungen sowie mit führenden europäischen KI-Toolanbietern« ausbauen wolle. Zudem heißt es, dass die Kanzlei mit Legora eine der höchsten KI-Adoptionsraten mit 96,8 % wöchentlicher aktiver Nutzung der mehr als 380 Anwältinnen und Anwälte vorweise. »Vor einem Jahr haben wir KI an alle Mitarbeitenden ausgerollt«, verkündete kürzlich der Namenspartner einer Münchner Verwalterkanzlei mit 70 Beschäftigten. Heute sei die Anzahl der Nicht-KI-Nutzer in der Kanzlei »nahezu null«. »Unsere Haltung: KI bereitet vor – wir entscheiden.«
KI verändert den Rechtsmarkt schneller als jede Technologie zuvor. Auch für Insolvenzverwalterkanzleien führt kein Weg mehr daran vorbei, sich intensiv mit KI-gestütztem Arbeiten zu befassen und es im Workflow mehr oder weniger zu implementieren. KI-Anbieter aus der Legal-Tech-Branche, die derzeit die Verwalterkanzleien mit Angeboten umwerben, halten die standardisierten Abläufe und strukturierten Prozesse in der Insolvenzverwaltung für hochgradig KI-kompatibel.
Im Gespräch mit KI-Anbietern und Insolvenzverwalterkanzleien werden die Chancen, das derzeit technisch Machbare, aber auch Grenzen und Risiken von KI als Werkzeug und Begleiter in der Insolvenzverwaltung beleuchtet sowie Terrains ausgelotet, auf denen der menschliche Faktor – nach heutigem Wissensstand – in der Insolvenzverwaltung unersetzbar bleibt.
Text: Sascha Woltersdorf
Die Kollegin KI scheint eine überragende Mitarbeiterin zu sein: Dank ihr liegt inzwischen (fast) alles nur ein paar Mausklicks entfernt. Datenerfassung geschieht automatisiert. Alles kann extrahiert, aufbereitet, zusammengefasst und verglichen werden. Juristische Recherche wird so einfach wie Googeln. Die Analyse und Auswertung von Dokumenten – egal ob Schriftwechsel oder Unternehmensbilanzen – dauern nur noch Minuten. Eigene Texte vom Anschreiben bis zum Schlussbericht entstehen wie von selbst. Alles geht mit KI. Heißt es. Insolvenzrecht und -praxis bieten tatsächlich gute Voraussetzungen für die oft erstaunlich menschliche Mitarbeit aus dem Computer. Insolvenzverfahren sind in weiten Teilen standardisiert, zudem liegen die entsprechenden Daten häufig in brauchbar strukturierter Form vor. Und nicht zuletzt bieten die Vergütungsmodelle der InsVV einen großen Anreiz, die Effizienzsteigerung, die KI verspricht, auch bilanziell verbuchen zu können.
Trotzdem tun sich viele Insolvenzverwalter schwer, die cleveren Chips in Anspruch zu nehmen. Ein Grund dafür ist das kaum überschaubare Angebot. Den Kanzleien öffnet sich kein Markt der Möglichkeiten, sondern eher ein Basar der Besonderheiten. Es klingt durchaus beeindruckt, wenn selbst die eng mit dem Thema vertrauten Insolvenzverwalter wie RA und Insolvenzverwalter André Binder (BBL) feststellen: »Wir sehen derzeit ein breites bzw. fast unüberschaubares Angebot an KI-Anwendungen.« Und dieses Angebot wächst in einem atemberaubenden Tempo.
Was offerieren KI-Anbieter derzeit den Insolvenzkanzleien?
Die Zurückhaltung unter den Rechtsanwälten zeigt eine im November 2024 veröffentlichte Umfrage des Bayerischen Anwaltverbands (BAV) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft IT-Recht im Deutschen Anwaltverein e. V. (davit) und der Kanzlei Noerr. Befragt wurden 558 Anwälte aus überwiegend kleineren Kanzleien. Nur 38 % der bayerischen Anwälte setzen demnach KI ein. Die mit weitem Abstand meistgenannten KI-Tools sind dabei DeepL und ChatGPT. Obwohl 77 % der KI eine »große bis sehr große Bedeutung« beimessen, planen nur wenige ein Budget für KI im kommenden Jahr ein. Bei nur 8 % liegt das Budget dafür bei mehr als 5000 Euro. Besonders skeptisch sind 37 % der befragten bayerischen Anwälte: Sie setzen KI gar nicht ein und planen dies auch nicht für die Zukunft.
Inzwischen mag sich einiges geändert haben, dennoch zeigen solche Ergebnisse eine grundlegende Zurückhaltung gegenüber der neuen Technik. »Die BAV-Umfrage hat recht«, sagt beispielsweise RA und Insolvenzverwalter Maximilian Breitling von der Münchener Kanzlei Gleichenstein & Breitling, die mit ihrem vier Rechtsanwälte zählenden Team ebenfalls zu den kleineren Verwalterkanzleien am Markt gehört. »Dass viele Kanzleien zögern, liegt nicht am Desinteresse, sondern an den Investitionskosten und der Angst vor Fehlern. Wir haben gelernt: KI funktioniert aktuell nur, wenn sie mit menschlicher Kontrolle verzahnt ist.«
Auch RA und Insolvenzverwalter Heinz-Joachim Hombach (Pluta) sieht eine »große, fast schon unübersichtliche Anzahl an Lösungsansätzen für einzelne Problemstellungen in den Insolvenzverfahren«. Den Anwendern bleibt nur die Qual der Wahl, da es die eine »One-size-fits-all-Lösung« nicht oder zumindest noch nicht gebe. Und angesichts der Vielfalt der Fragestellungen werde es diese wohl auch nicht geben, so Hombach. »Anwender müssen daher Prioritäten setzen. Wollen sie in einzelnen Bereichen problemspezifische KI-Lösungen einsetzen oder verfolgen sie die Strategie einer Taylor-made-Lösung für das eigene Haus? Das ist in beiden Fällen eine Frage der Investitionsbereitschaft und der verfolgten Strategie.«
Andere Kanzleien beurteilen den Markt ähnlich. »Das allumfassende Tool haben wir noch nicht gefunden«, sagt RA und Insolvenzverwalter Dr. Alexander Zarzitzky (Anchor). Allerdings ist aus seiner Sicht das »spektakulärste« Tool auch nicht interessant, »sondern dasjenige, das in die vorhandenen Fachsysteme und Abläufe passt. Der Mehrwert entsteht erst dann, wenn KI nicht nebenherläuft, sondern Akten, Buchhaltung, Forderungsmanagement, Berichterstattung und Kommunikation tatsächlich unterstützt. Genau in diese Richtung entwickelt sich der Markt.«
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Inhalt
Die kommende Ausgabe INDat Report 04_2026 erscheint am 27.05.2026.
Am 06.05.2026 ist Anzeigenschluss, alle weiteren Termine finden Sie auf www.der-indat.de.
Die kommende Ausgabe INDat Report 05_2026 erscheint am 01.07.2026.
Am 10.06.2026 ist Anzeigenschluss, alle weiteren Termine finden Sie auf www.der-indat.de.
Aktuelle Ausgabe: 22.04.2026
Umfang: 88 Seiten
Aktuelle Ausgabe: 27.05.2026
Umfang: 88 Seiten
Professoren & Hochschulen (aus 02_2025)
Vertreter vernachlässigter rechtlicher Schnittstellen

Prof. Dr. Sebastian Mock
Die junge Verwaltergeneration
Einer der »drei Rombachs«
Die junge Verwaltergeneration
Am Anfang stand eine »Superbank«

Eric Rombach

Marcel Heinol