Ganzheitliche Sicht erforderlich: Insolvenzen im gesamtwirtschaftlichen Kontext sehen

Berlin, 14.04.2026. Trotz Schlagzeilen über Rekordpleiten: Unternehmensinsolvenzen steigen laut amtlicher Statistik im Januar nur moderat. Sie schaffen Chancen und eröffnen Raum für zukunftsfähige Unternehmen. Eine differenzierte Betrachtung ist erforderlich.

Das Statistische Bundesamt* hat heute die Zahl der Unternehmensinsolvenzen für den Monat Januar 2026 veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahresmonat um nur 4,9 Prozent gestiegen. Ein moderater Anstieg, der die aktuelle weltpolitische und gesamtwirtschaftliche Entwicklung allerdings noch nicht abbildet.

Kurzfristig werden die Insolvenzzahlen aufgrund der gesamtwirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklung deutlich ansteigen“, sagt Dr. Christoph Niering, Insolvenzverwalter und Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID). „Nicht nur Transport- und Logistikunternehmen, die unmittelbar von hohen Kraftstoffpreisen betroffen sind, sondern auch energieintensiv produzierende Unternehmen stehen aktuell unter großem Druck. Dies wird den bereits seit Längerem andauernden Transformationsprozess vieler Branchen noch weiter beschleunigen“, so Niering.

Häufig wird jedoch übersehen, dass Insolvenzen Teil eines funktionierenden Wirtschaftsgeschehens sind. Unter dem Begriff der Politik der zweiten Chance ermöglichen sie Unternehmen sich in einem rechtlich strukturierten Rahmen zukunftsorientiert neu aufzustellen. Wo dies nicht gelingt, ermöglichen Insolvenzen Marktbereinigung und Freisetzung von Ressourcen. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die immer knapper werdende Ressource qualifizierter Arbeitskräfte von Bedeutung.

Trotz der aktuell herausfordernden gesamtwirtschaftlichen Lage liegen die Unternehmensinsolvenzen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weiterhin unter den Höchstwerten der Jahre 2004 und 2009, als in der Spitze mehr als 39.000 Unternehmensinsolvenzen verzeichnet wurden. Aufgrund gesetzlicher Vorgaben werden vom Statistischen Bundesamt dabei auch die Insolvenzen ehemals selbständiger Unternehmer erfasst, die über keinen aktiven Geschäftsbetrieb mehr verfügen. Dies ist eine Unschärfe der Betrachtung, welche das Gesamtbild allerdings nicht in Frage stellt.

Eine andere, d. h. dramatische Einschätzung der Insolvenzentwicklung ergibt sich nur, wenn die Prognosen auf eine Teilmenge von Unternehmen: Personen- und Kapitalgesellschaften bezogen werden. Andere Unternehmensformen wie Einzelunternehmen, Freie Berufe, Kleingewerbe oder viele Handwerksbetriebe bleiben hingegen unberücksichtigt.

„Die Fokussierung auf nur bestimmte Rechtsformen und damit auch die daraus abgeleitete Analyse sind zu kurz gesprungen. Wesentliche Gruppen werden zumindest teilweise ausgeklammert, insbesondere das Handwerk, das laut ZDH (Zentralverband des Deutschen Handwerks) rund 1.000.000 Betriebe mit etwa 5,6 Millionen Beschäftigten umfasst. Auch Einzelunternehmen wie das von Anton Schlecker mit ehemals über 50.000 Arbeitnehmern würde in dieser Teilmengenstatistik keine Berücksichtigung finden“, so Niering weiter. Die Frage drängt sich auf: Spielen diese Gruppen keine Rolle im Insolvenz- und Wirtschaftsgeschehen? Zudem erzeugt die ausschließliche Betrachtung von wie auch immer gearteten Teilmengen mediale Dramatik und Schlagzeilen, die schon jetzt politisch instrumentalisiert werden.

Quellen:

Unternehmensinsolvenzen im Januar 2026: +4,9 % gegenüber Januar 2025

** Grafik des VID: Entwicklung der Unternehmensinsolvenzzahlen (IN-Verfahren), © Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID)/April 2026, Grafik kostenfrei nutzbar

Nicht alle beantragten Insolvenzverfahren werden auch eröffnet. In der Regel liegt die Eröffnungsquote bei ca. 60 Prozent. Voraussetzung einer Eröffnung ist ein Eröffnungsgrund sowie die voraussichtliche Deckung der Verfahrenskosten.

Über den VID

Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands ist der Berufsverband der in Deutschland tätigen Insolvenzverwalter und Sachwalter. Mit mehr als 470 Mitgliedern vertritt er die überwiegende Mehrheit dieser Berufsgruppe. Mitglieder verpflichten sich zu “Grundsätzen ordnungsgemäßer Insolvenz- und Eigenverwaltung” und zur Zertifizierung nach ISO:9001. Der Verband hat damit Maßstäbe für eine unabhängige, transparente und qualitativ anspruchsvolle Insolvenzverwaltung gesetzt.