Ein weiterer Anstieg um 25 Prozent – und kein Ende in Sicht: Die deutsche Unternehmenslandschaft steckt tiefer denn je in der Strukturkrise. Für 2026 erwartet die Transformationsberatung Falkensteg eine erneute Zunahme der Großinsolvenzen. Die Welle von Großinsolvenzen hat sich 2025 weiter beschleunigt. 471 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über zehn Millionen Euro mussten Insolvenz anmelden – rund 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Das geht aus der aktuellen Insolvenzanalyse der Transformationsberatung Falkensteg hervor. Besonders betroffen waren Metallwarenhersteller (65 Fälle), Automobilzulieferer (59), Elektrotechnikunternehmen (53) und Betriebe des Innenausbaus (42). Damit setzt sich ein Trend fort, der seit fünf Jahren ungebrochen ist: Seit der „Pleitedelle“ nach Corona im Jahr 2021, als nur 163 Fälle gezählt wurden, haben sich die Großinsolvenzen nahezu verdreifacht.
„Die deutsche Wirtschaft ringt nicht mehr nur mit Kopfschmerzen – sie hat Fieber bekommen“, sagt Studienautor und Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt. Die Ursachen sind vielfältig, doch ihr Zusammenspiel entwickelt eine beunruhigende Dynamik. Der Automotive- und Maschinenbausektor steckt in einer tiefen Strukturkrise, die Konsumzurückhaltung verhindert Investitionen, während politische Impulse aus Infrastrukturprogrammen bisher kaum Wirkung entfalten. Hinzu kommen die geopolitische Unsicherheit durch die Trump-Administration, der fortdauernde Ukrainekrieg und der verschärfte Wettbewerb durch China. „Für viele Mittelständler ist das keine Konjunkturdelle mehr, sondern eine Überlebensfrage. Der zyklische Abschwung entwickelt sich zum strukturellen Kollaps“, warnt Eckhardt.
Metallwarenhersteller überholen Autozulieferer
Erstmals führen die Metallwarenhersteller das Insolvenzranking an – mit einem Anstieg von 48 auf 65 Fälle, ein Plus von 35 Prozent. Die Metallwarenhersteller sind strukturell eng mit der kriselnden Automobilindustrie verflochten, aber auch der Wettbewerb aus China lässt ihre Marktanteile erodieren. Massive Überkapazitäten fluten den Weltmarkt – von den klassischen Schwerindustrien wie Stahl und Aluminium bis hin zu neuen Schlüsseltechnologien.
Nach fünf Jahren rutschen die Autozulieferer von der Spitzenposition auf Rang zwei, jedoch bleiben die Insolvenzen konstant auf 59 Fälle. Danach folgen die Elektrotechnikunternehmen mit einem Plus von 77 Prozent auf 53 Insolvenzen. Die Ursachen sind gleichlautend wie bei den Metallwarenherstellern. Die Abhängigkeit vom Auto, Rückgang der Solarinstallationen und die Chinaexporte bei Batterien, Solarzellen, Elektrotechnik und Mobilfunk drücken die heimische Produktion, die auf das Niveau von vor über zehn Jahren zurückgefallen ist.
Besonders deutlich zeigen sich die Verwerfungen im Export. Die von den USA eingeführten Zölle treffen nicht nur Stahl und Chemie, sondern zunehmend komplexe Industriegüter. „Das Geschäftsmodell des deutschen Maschinenbaus und der zuliefernden Branchen gerät ins Wanken“, warnt Eckhardt. Für viele Betriebe werde der US-Markt unprofitabel, während bereits Absatzchancen in China verloren sind. „Deutschland verliert auf dem Weltmarkt gegenüber China im Preis und inzwischen auch bei der technologischen Führerschaft“, so der Restrukturierungsexperte.
Zaghafte Stabilisierung im Konsumsektor
Etwas heterogener zeigt sich das Bild im Konsumgüterbereich. Die Insolvenzen im Einzelhandel gingen 2025 um rund zehn Prozent zurück, während die Pleiten bei den Herstellern von Nahrungs- und Konsumgütern (FMCG) um etwa 30 Prozent zunahmen. Dennoch liegen die Antragszahlen weiterhin deutlich unter denen der Coronajahre, als es fast 50 Prozent mehr Fälle gab.
„Die Marktbereinigung im Einzelhandel ist weitgehend abgeschlossen“, sagt Eckhardt. Viele schwache Akteure seien bereits in den Jahren 2023 und 2024 ausgeschieden, sodass die verbleibenden Unternehmen stabiler aufgestellt seien. Digitalisierung, Volumenanpassungen und Effizienzsteigerungen hätten die Überlebensfähigkeit der Branche erhöht.
Anders in der Konsumgüterindustrie: Zwar haben viele Hersteller investiert und ihre Portfolios verschlankt, doch das veränderte Kaufverhalten der Verbraucher setzt dem Markt zu. „Die größte Gefahr geht von der wachsenden Sparmentalität aus“, so Eckhardt. Immer mehr Konsumenten ersetzen Alltagsprodukte durch günstigere Alternativen. Die zentrale Frage der Verbraucher „Brauche ich das wirklich?“ – wird immer häufiger mit „Nein” beantwortet.
2026: Keine Trendwende in Sicht
Der Aufwärtstrend bei den Unternehmensinsolvenzen dürfte sich 2026 fortsetzen. „Wir rechnen mit einem Plus von zehn bis 20 Prozent auf rund 530 Großverfahren“, prognostiziert Eckhardt. Während der geplante Infrastrukturfonds für leichte Entspannung sorgen könnte, lasten neue Unsicherheiten auf der Wirtschaft. Chinas im Februar erwarteter Fünfjahresplan, der auf technologische Eigenständigkeit zielt, dürfte deutsche Schlüsselbranchen wie Automotive und Maschinenbau zusätzlich unter Druck setzen.
„Die deutsche Wirtschaft wird 2026 nur schleppend auf die Beine kommen, weil sich mehrere strukturelle Bremsen wie schleichender Wettbewerbsverlust, Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie und stockende Investitionen überlagern“, befürchtet der Falkensteg-Partner. Besonders betroffen ist die verarbeitende Industrie, wo Überkapazitäten und sinkende Margen das Geschäftsmodell angreifen und eine Transformation erschweren. Darauf deuten auch die in diesem Jahr explodierenden Insolvenzen bei den Personaldienstleistern hin. Sie sind ein Frühindikator für die konjunkturelle Abwärtsspirale und die weitere Eintrübung des Arbeitsmarkts. „Bei Automobilzulieferern, Maschinenbauern, Elektrotechnikunternehmen und Metallwarenherstellern werden die ohnehin auf hohem Niveau liegenden Insolvenzen nochmals um rund zehn bis fünfzehn Prozent zunehmen“, schätzt Eckhardt.
Im Gesundheitswesen bleibt die Situation prekär: Während Klinikinsolvenzen weiter zunehmen, stabilisieren sich Pflegeheime auf hohem Niveau. Dagegen dürfte der Einzelhandel – ebenso wie Teile der Konsumgüterbranche – eine Phase der Seitwärtsbewegung erleben.
| Umsatz ab 10 Mio. Euro | ||||
| 2023 | 2024 | 2025 | Vergleich zum Vorjahr | |
| alle Branchen | 279 | 378 | 471 | 24,6 |
| Verarbeitendes Gewerbe | ||||
| Metallwaren | 28 | 48 | 65 | 35,4 |
| Automotive | 34 | 59 | 59 | 0,0 |
| Elektrotechnik | 11 | 30 | 53 | 76,7 |
| Maschinenbau | 24 | 32 | 37 | 15,6 |
| Kunststoff | 18 | 23 | 35 | 52,2 |
| Gesundheitswesen | 38 | 23 | 32 | 39,1 |
| Konsumgüter | ||||
| Autohandel | 6 | 11 | 32 | 190,9 |
| Einzelhandel | 30 | 32 | 29 | -9,4 |
| Nahrungsmittel/FMCG | 27 | 23 | 26 | 13,0 |
| Immobilien | ||||
| Bau von Immobilien (bis Rohbau) | 19 | 29 | 14 | -51,7 |
| Gebäude (ab Ausbau und Facility Mgt.) | 14 | 43 | 42 | -2,3 |
| Personalvermittler | 2 | 14 | 19 | 35,7 |