Kein dramatischer Verlauf: Steigende Zahlen spiegeln Nachholeffekte und Strukturwandel. Die gefühlte Mehrbelastung bei Beratern und Banken hat auch mit abgebauten Kapazitäten zu tun.
Das Statistische Bundesamt* hat heute die Zahl der Unternehmensinsolvenzen für den Monat Juli 2026 veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,0 Prozent auf 2.373 gestiegen. Von Januar bis Juli lag die Zahl der Anträge um 6,9 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.
„Die Zahlen steigen, aber sie zeigen weiterhin keinen dramatischen Verlauf“, ordnet Dr. Christoph Niering, Insolvenzverwalter und Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID), die neuen Daten ein. Mit 24.064 Unternehmensinsolvenzen im Gesamtjahr 2025 liegt das aktuelle Niveau nach wie vor deutlich unter den Höchstständen von 2004 (39.213) und 2009 (32.687). Hinter dem Anstieg stehen nicht nur aktuelle Belastungen wie hohe Kosten und eine schwache Nachfrage, sondern auch Altlasten aus der Coronazeit.
Galeria: Ein Fall aus der Coronazeit
Wie lange die Folgen der Pandemie nachwirken, zeigt der erneute Insolvenzantrag von Galeria Anfang Oktober. Es ist das vierte Verfahren des Warenhauskonzerns seit 2020.
„Galeria ist ein Unternehmen, das in der Coronazeit in die Krise geraten ist und sich seitdem nicht erholen konnte“, sagt Niering. „Der Fall zeigt, dass wir es immer noch mit Nachholeffekten aus der Pandemie zu tun haben. Staatliche Hilfen und die zeitweise ausgesetzte Insolvenzantragspflicht haben damals viele Unternehmen über Wasser gehalten. Wo das Geschäftsmodell dauerhaft nicht mehr trägt, zeigt sich das immer noch mit Verzögerung.“
Gefühlte Belastung: Eine Frage der Kapazitäten
Aus Beratungsgesellschaften und Kreditinstituten ist derzeit häufig zu hören, die Lage habe sich spürbar zugespitzt. Der VID führt diesen Eindruck zu einem guten Teil auf eine Entwicklung der vergangenen Jahre zurück: Während der Coronazeit lagen die Insolvenzzahlen auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau. Viele Sanierungsberater und Restrukturierungsabteilungen von Banken haben in dieser Phase Personal und Kapazitäten abgebaut.
„Wenn die Zahlen jetzt wieder steigen, trifft das auf deutlich dünnere Personaldecken“, erklärt Niering. „Die Belastung wird subjektiv als starker Anstieg wahrgenommen. Tatsächlich bewegen sich die Fallzahlen aber weiterhin deutlich unter den Höchstständen der 2000er-Jahre. Die gefühlte Krise ist auch eine Kapazitätsfrage.“
Für die Insolvenzverwaltung selbst sieht der VID keine Engpässe: Die Verwalterinnen und Verwalter sind auf die steigenden Fallzahlen vorbereitet. Entscheidend bleibt, Krisen früh zu erkennen und die Sanierungsinstrumente rechtzeitig zu nutzen.
Hinweis: Die Destatis-Zahlen erfassen Anträge erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts. Der tatsächliche Antrag liegt häufig rund drei Monate früher. Der Galeria-Antrag vom Oktober ist in den Juli-Zahlen daher nicht enthalten.
Über den VID:
Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands ist der Berufsverband der in Deutschland tätigen Insolvenzverwalter und Sachwalter. Mit mehr als 470 Mitgliedern vertritt er die überwiegende Mehrheit dieser Berufsgruppe. Mitglieder verpflichten sich zu “Grundsätzen ordnungsgemäßer Insolvenz- und Eigenverwaltung” und zur Zertifizierung nach ISO:9001. Der Verband hat damit Maßstäbe für eine unabhängige, transparente und qualitativ anspruchsvolle Insolvenzverwaltung gesetzt.