Auch das erste Halbjahr 2026 liegt über dem Vorjahreszeitraum. Von den Rekordwerten früherer Krisenjahre bleibt das Insolvenzgeschehen jedoch weit entfernt.
Die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im Juni 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat um 15,8 Prozent auf 2.266 Verfahren gestiegen. Damit liegt auch das erste Halbjahr 2026 mit 12.812 beantragten Unternehmensinsolvenzen um 6,7 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt* heute mitteilte. Der Berufsverband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) mahnt eine differenzierte Betrachtung der Entwicklung an und verweist auf die besondere Lage im Transport- und Logistikgewerbe.
Anstieg ja – Rekordwerte nein
Historisch bleibt das Niveau dennoch niedrig: 2004 wurden 39.213 und 2009 32.687 Unternehmensinsolvenzen beantragt, im Gesamtjahr 2025 waren es 24.064. Auch mit dem Zuwachs des ersten Halbjahres bleibt der Abstand zu diesen Werten groß. „Die Zahlen steigen, aber sie steigen aus einem historisch niedrigen Niveau heraus. Von den Höchstwerten der Jahre 2004 und 2009 sind wir weit entfernt“, sagt Jutta Rüdlin, Vorständin im VID. „Was wir sehen, ist weniger eine Welle als ein anhaltender Strukturwandel, der sich von Branche zu Branche sehr unterschiedlich auswirkt.”
Diese Branchen sind besonders betroffen
Am höchsten war die Insolvenzhäufigkeit im Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei mit 71,6 Fällen je 10.000 Unternehmen, danach folgten das Gastgewerbe mit 59,6 und das Baugewerbe mit 53,4 Fällen. Hinter diesen Werten stehen unterschiedliche Ursachen: hohe Baukosten und zurückhaltende Auftraggeber im Bau, gestiegene Personal- und Energiekosten im Gastgewerbe, veränderte Konsumgewohnheiten und der Wettbewerb im Onlinegeschäft im Handel sowie Auftragsrückgänge und höhere Finanzierungskosten bei den Dienstleistern.
Transport und Logistik: kaum Spielraum bei den Margen
Im Transportgewerbe treffen erhöhte Rohstoff- und Kraftstoffpreise auf Rahmenbedingungen, die kaum Ausgleich zulassen: schwierige Arbeitszeiten, einen angespannten Fahrermarkt und langfristige Frachtverträge, die eine Weitergabe gestiegener Kosten an die Auftraggeber häufig ausschließen.
„Wer gestiegene Spritpreise nicht an seine Auftraggeber weitergeben kann, hat bei Margen von wenigen Prozent keinen Spielraum mehr“, so Rüdlin. „Im Transportgewerbe entscheidet deshalb oft ein einzelner Kostenblock über das Überleben eines Betriebes.”
Fragmentierte Ketten ohne Puffer
Verstärkt wird das durch die Struktur der Branche: Sie ist stark fragmentiert und von einem Geflecht aus Subunternehmern und Sub-Subunternehmern geprägt. Auf den unteren Stufen dieser Ketten werden die geringsten Margen erwirtschaftet, Rücklagen fehlen, und schon kleinere wirtschaftliche Schocks lassen sich kaum auffangen. Besonders gefährdet sind kleine Unternehmen und Solo-Selbständige, die stark von einzelnen Großkunden abhängig sind.
„Gerät ein größerer Auftraggeber in Schwierigkeiten, trifft das binnen weniger Wochen die gesamte Kette, bis hin zum einzelnen Fahrer mit eigenem Fahrzeug“, erläutert Rüdlin. „Wer sein Geschäft auf einen oder zwei Großkunden stützt, hat im Ernstfall keine zweite Säule.”
Prognose für das Gesamtjahr 2026
Für das Gesamtjahr 2026 geht der VID von einer weiter steigenden Zahl von Unternehmensinsolvenzen aus. Ausschlaggebend sind fortwirkende Belastungen wie höhere Finanzierungskosten, gestiegene Personal- und Energiekosten sowie ein Konsumverhalten, das sich in mehreren Branchen dauerhaft verschoben hat. „Wir rechnen für das Gesamtjahr mit weiter steigenden Zahlen, aber nicht mit einer starken Insolvenzwelle“, sagt die VID-Vorständin. „Der Anstieg bleibt beherrschbar und trifft vor allem Geschäftsmodelle, die schon vor den Kostensteigerungen unter Druck standen. Ein flächendeckender Einbruch ist daraus nicht abzuleiten.“
Quellen:
* Unternehmensinsolvenzen im Juni 2026: +15,8 % gegenüber Juni 2025 (https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/09/PD26_325_52411.html)
** Grafik des VID: Entwicklung der Unternehmensinsolvenzzahlen (IN-Verfahren), © Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID)/September 2026, Grafik kostenfrei nutzbar
Nicht alle beantragten Insolvenzverfahren werden auch eröffnet. In der Regel liegt die Eröffnungsquote bei ca. 60 Prozent. Voraussetzung einer Eröffnung ist ein Eröffnungsgrund sowie die voraussichtliche Deckung der Verfahrenskosten.
Über den VID:
Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands ist der Berufsverband der in Deutschland tätigen Insolvenzverwalter und Sachwalter. Mit mehr als 470 Mitgliedern vertritt er die überwiegende Mehrheit dieser Berufsgruppe. Mitglieder verpflichten sich zu “Grundsätzen ordnungsgemäßer Insolvenz- und Eigenverwaltung” und zur Zertifizierung nach ISO:9001. Der Verband hat damit Maßstäbe für eine unabhängige, transparente und qualitativ anspruchsvolle Insolvenzverwaltung gesetzt.