Editorial | INDat Report 08_2021 | September 2021

Alle Verantwortlichen samt den »üblichen Verdächtigen«

Mit der Armbrust muss niemand hantieren können, wenn sie/er sich dem Insolvenzrecht verschreibt. Da aber bekanntermaßen das Insolvenzrecht eine komplexe Materie ist, braucht es neben Engagement auch viel Zeit, um zum »Meister« zu wachsen – ­daher kann die frühe Übung auch hier von Nutzen sein wie bei seinen Kindern, wie Wilhelm Tell meint.

Praktiker der Restrukturierungs- und Insolvenzbranche haben viele berufliche Hintergründe und Ausbildungswege. Der Volljurist muss nicht mehr ausschließlich die Zugangs­voraussetzung sein. Dennoch haben viele Praktiker gemeinsam, dass sie das Insolvenzrecht von der Pike auf gelernt haben und erstmalig an den Universitäten theoretisch damit in Berührung gekommen sind. Dass sie Interesse und Spaß am Insolvenzrecht entwickelt haben, dafür waren dann häufig die Vermittler dieser Materie »verantwortlich« – sowohl die Lehrstuhlinhaber und Professoren als auch die Lehrbeauftragten, die oftmals aus der Praxis kommen. Letztere verknüpfen die komplexe Theorie nicht nur mit plastischen Praxisfällen, sondern sie eröffnen den Studierenden auch Berufsperspektiven. Nicht zu vergessen: Die Universitäten sind auch Orte der Forschung. Einige Lehrstuhlinhaber haben bekanntermaßen einen erstaunlich vielfältigen Output mit nachhaltiger Wirkung auf Wissenschaft und Praxis.

Um aber über die »üblichen Verdächtigen«, die in der Fachliteratur und auf den spezifischen Veranstaltungen präsent und aktiv sind, hinauszuschauen, soll das Who‘s who aus Lehre und Forschung im Insolvenzrecht der universitären Betriebe in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz einen Überblick verschaffen, wer denn die nicht ganz so prominenten Vermittler und Impulsgeber dieser Materie sind. Zutage getreten sind bei diesem Rundumblick sowohl konzentrierte Angebote als auch sog. weiße Flecken in der Universitätslandschaft.

Auch wenn dort fast überall Vorlesungen und Übungen zum Insolvenzrecht schon recht gut mit Stoff gefüllt sind, haben nicht wenige Lehrende die vorinsolvenzliche Restrukturierung und das StaRUG bereits zusätzlich in ihr Programm eingebaut, wenngleich es bisher noch nicht so viele (publike) Praxisfälle gibt, auf die das neue Gesetz Anwendung gefunden hat. Man spricht derzeit von zehn bis 15 Fällen, die bis jetzt nicht alle zum Abschluss gekommen sind. Wer sich »enttäuscht« über die bislang so wenigen Praxisfälle zeigt, mag übersehen, dass der sog. Erfolg des Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmens nicht unbedingt alleine in einem bestätigten Restrukturierungsplan münden muss. So zeigt z. B. der Kölner Fall, dass die involvierten Banken nach der Anzeige des Restrukturierungsvorhabens mit dem Schuldner eine Lösung gefunden haben. Von gerichtlichen Terminen kann schließlich eine mediative Wirkung ausgehen, die beim StaRUG dann zu einem nicht so leicht messbaren Erfolg in einer Evaluation führt. Und schon vor der Anzeige des Vorhabens kann sich eine Wirkungsmacht entfalten, indem das neue gesetzliche Instrumentarium, wie es so schön heißt, in den Verhandlungen mit dissertierenden Gläubigern glaubhaft ernst gemeint als Drohkulisse inszeniert wird. Dabei können eine präsentierte »Vergleichsrechnung« und ein Plan, der »fliegen« würde, überzeugen.

Inzwischen schätzen Restrukturierungsberater diese Vorfeldwirkung des StaRUG höher für die praktische Bedeutung ein als das eigentliche, durchgezogene Verfahren. Der eingeengte Blick auf die bestätigten Restrukturierungs­pläne wird daher nur ein (geringer) Teil der später wie auch immer einzuordnenden Erfolgsgeschichte sein.

Und damit zurück zur Lehre und Forschung des Insolvenzrechts: Zugegeben, auch wir haben einen verengten Blick an ­den Tag gelegt, als wir uns nur auf die Alma Mater und Jura fokussiert haben. Auch betriebs- und wirtschaftswissenschaft­liche Fachrichtungen sowie das Spektrum der (Fach)hochschulen qualifizieren mit anderer Gewichtung und Zielrichtung Restrukturierungs- und Insolvenzpraktiker. Um das so nicht stehen zu lassen, werden wir aus diesen Orten der Lehre und Forschung ebenfalls beizeiten eine Landkarte modellieren.

Peter Reuter, Chefredakteur